“Die großen Firmen können Digitalisierung, aber wir Kleinen? Wir haben das doch schon immer so gemacht! Das wird schon schief gehen” - diese Einstellung hat jemand, der ein untergehendes Imperium anführt. Wenn Sie also Inhaber einer Postkutschenstation Ende des 19.Jahrhunderts sind, ist das OK, für einen modernen mittelständischen Unternehmer geht mehr.

Aber der deutsche Mittelstand digitalisiert sich laut einer kfw-Studie noch schleppend: Nur jede vierte Firma hat ihre Digitalisierungsprojekte abgeschlossen, insgesamt werden jährlich nur 14 Mrd Euro investiert. Nicht viel im Vergleich dazu, wie groß die Veränderungen sind, die auf die Wirtschaft zurollen. Diejenigen, die den Wandel verschlafen, liegen jetzt schon mit einem Bein unter der digitalen Lawine. Merken Sie dieses Kribbeln im Bein? Dann könnten Sie gemeint sein! Aber woran liegt es, dass besonders die kleinen Unternehmen nur zaghaft umstrukturieren? Und was sind diese großen Veränderungen für den Mittelstand, die angeblich kommen? Lesen Sie hier alles über die Möglichkeiten für KMUs in der neuen digitalen Welt.

VAI Gründer & Geschäftsführer Garry Krugljakow zur Digitalisierung in Deutschland

Was bremst die Digitalisierung im Kleinen?

“Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut”. Erklärt dieses Zitat von Karl Valentin bereits alles? Fast alles. Diese Faktoren hemmen die digitale Entwicklung von Mittelständischen Unternehmen:

Fehlendes Know-How

Qualifizierte Mitarbeiter, die wissen, was z.B. trello, digitales Banking oder Buchhaltungstools für ein Unternehmen leisten können, gehen zu den großen Konzernen. Als ChefIn sollten Sie versuchen, diese geballte Kompetenz zu halten. Das funktioniert zum einen über moderne Betriebsstrukturen und eine attraktive Arbeitsatmosphäre - zum anderen, indem Sie die Nachzügler ins Boot holen. Eigene Kompetenzen schaffen, indem Sie denjenigen, die digital Natives für einen Ureinwohnerstamm in Brasilien halten und KI für die Abkürzung von Kilometerlangen Irrfahrten, entsprechende Fortbildungen und Workshops ermöglichen. Wenn in Ihrem eigenen Betrieb dazu die Ressourcen fehlen, können Sie jederzeit Hilfe von außen annehmen. Digitalisierungsexperten beraten auch extern - sind aber auf lange Sicht als feste Mitarbeiter sinnvoller.

Fehlende Investitionen

Wer Angst vor etwas hat, investiert nicht in die drohende Gefahr. Er meidet sie. Genau das passiert, wenn viele KMUs keine Investitionen angehen. Finanzielle Mittel sind aber nötig, zur

Optimierung der Produktion

Automatisierung braucht neue Maschinen, Buchhaltungssoftware, Online-Tools und vieles mehr.

Neueinstellung von Mitarbeitern

Mitarbeiter kosten nicht nur - sie können auch Ausgaben sparen. Je nachdem, an welchen Schnittstellen sie arbeiten. Sie sollten neue Stellen schaffen, die projektübergreifend den digitalen Fahrplan für Ihr Unternehmen umsetzen.

Modernisierung des Marketings

Nicht nur der Onlinemarkt will bespielt werden - digitale Welten ermöglichen ganz neue Geschäftsmodelle. Sie müssen diese nicht gleich umsetzen, aber kennen sollten Sie sie schon. Wenn Sie keine Ahnung haben, warum Ihr größter Konkurrent gerade alles auf Augmented Reality umstellt, ist das ein Wettbewerbsnachteil. Wenn Sie jetzt gerade googlen, was AR überhaupt ist, dann erst recht.

Fehlender Mut

Das Vorurteil, dass Digitalisierung immer viel kostet und aufwendig ist, stimmt. Sie dürfen nur das große ABER nicht überlesen: Langfristig spart die Digitalisierung Ihren Mitarbeitern Zeit und Ihnen zusätzlich Geld. Kleine Veränderungen können bereits ein Anfang sein, z.B. Intranet für das ganze Unternehmen, flexiblere Arbeitszeiten oder Digitales Banking. Mut zahlt sich hier aus und letztlich wissen Sie als Unternehmer genau, wie lähmend Angst sein kann. Zukunft entsteht nicht aus dem Festhalten an alten Strategien und Routinen. Zukunft entsteht, indem man Neues wagt.

Was ändert sich im digitalen Mittelstand?

Die Digitalisierung bringt nicht nur Vorteile. Der Haken liegt aber in folgender Erkenntnis: Von den Vorteilen kann nur derjenige profitieren, der mitmacht - die Nachteile spürt jedes Unternehmen auf dem Markt. Was also ändert sich mit der Digitalisierung für den Mittelstand?

Weniger Hierarchie, mehr Miteinander

Dieser Wandel hat viele Gründe. Zum einen gibt es zahlreiche neue Kommunikationswege, die dezentrales Arbeiten und andere Arbeitszeiten möglich machen. So entstehen auch neue Arbeitsmodelle wie Job-Sharing, Homeoffice oder Sabbatical. Die Mitarbeiter arbeiten zusammen an einem Projekt. Über googledocs, clevnote, teamviewer oder andere digitale Tools sind alle auf dem neuesten Stand. Neben diesen praktischen Veränderungen gibt es ein gesellschaftliches Umdenken: Hierarchien sind von gestern. Millennials wollen keine einengenden Strukturen und sie sind die Mitarbeiter der Zukunft. Das wirkt sich nach und nach auf das Personalmanagement aus. Franziska Angerer, die Bereichsleiterin People & Culture beim Versandhandel unito sagt beispielsweise, Sie “führe” nicht im klassischen Sinne. “Augenhöhe” ist ein wichtiges Schlagwort für die Kommunikation und das Miteinander von morgen. Die Herausforderung ist, die Strukturen so umzustellen, dass Sie weiterhin Einfluss ausüben können, die Arbeitsprozesse aber demokratischer werden.

Neue Kunden, neue Konkurrenz

Die Onlinewelt bietet nicht nur einen globalen Absatzmarkt, sondern wirft Ihr Unternehmen auch in eine globale Konkurrenzsituation. Die modernen Kunden wollen mitbestimmen, sie sind wählerisch, vergleichen und bewerten im Netz. Damit wird das Marketing wichtiger denn je. Aber es gibt auch Vorteile für KMUs in der digitalen Welt: Die sogenannten “Hidden Champions” werden über das Netz schneller sichtbar. Mit der richtigen Marketingstrategie kann ein Großunternehmer im amerikanischen Silicon Valley nur zusehen, wie Sie aus dem Schwarzwald zu einem weltweiten Konkurrenten aufsteigen. Das Zauberwort heißt hier Kundenbeziehungsmanagment: Die modernen CRMs (Customer Relationship Mangement) Tools unterstützen im täglichen Dialog mit potentiellen Käufern. Nicht nur Kommunikation ist so einfacher, sondern auch auch das Erstellen individueller Angebote. Digitale Daten sagen mehr über Ihre Kunden aus als alle Informationsschnipsel, die Sie sich heimlich notieren könnten. Deshalb bietet die Digitalisierung hier Chancen für die Branchen, die vermeintlich unter der Konkurrenz des Onlinemarkts leiden: Barbara Maas führt als Newsleaderin die Berliner Zeitung ins digitale Zeitalter. Sie sagt in einem Interview mit dem upload-magazin : “Ich glaube daran, dass Technologie die Arbeitswelt revolutioniert. Ob zum Guten, liegt an uns.”

Mehr Transparenz, weniger Zeitaufwand

Im Internet kann sich jeder über alles informieren. Transparenz im eigenen Unternehmen ist deshalb sowohl möglich als auch notwendig. Die Kunden wollen wissen, wer bei Ihnen arbeitet, was Sie wollen und wie Sie es erreichen. Sämtliche Prozesse werden nach außen hin transparenter. Deshalb sind Unternehmer interessiert daran, möglichst vertretbar zu produzieren. Eine digitale Produktion kann Ressourcen schonen. Das ist nicht nur ein werbewirksamer Fakt für Ihr Unternehmen, er spart auch Zeit und Geld. Das Internet der Dinge (IoT = Internet of things) sorgt dafür, dass Sie mehr Informationen über Gegenstände haben. Was wollen Sie mit Informationen über Gegenstände? Ihnen reichen schon die Informationen Ihrer Facebook-Freunde über ihr Essen? Informationen können z.B. dazu genutzt werden, den Verschleiß von Maschinen zu berechnen. Sie wissen vorher, wann Sie eine Wartung durchführen müssen oder wann Sie eine Ware bestellen sollten. Wenn Sie in Echtzeit informiert sind, können Sie schneller handeln. Um sich an den Vorstellungen der Kunden zu orientieren, ist diese Flexibilität nötig. Transparenz schaffen die Daten auch im Bezug auf die Administration - also nach innen. Sie können einfach nicht übersehen, welche Prozesse zu lange dauern. Gleichzeitig können Sie die Buchhaltung, das Banking und andere unbeliebte Zeitdiebe jemandem überlassen, der sich weniger damit herumärgert: digitalen Tools.

Mögliches Vorausdenken, nötiges Umdenken

Um morgen noch dabei zu sein, müssen Sie heute vorausdenken. Für Mittelständische Unternehmen ändert sich vor allem die Notwendigkeit zur ständigen Selbsterneuerung. Was können Sie besser machen? Wie Ihr Produkt weiterentwickeln? Arbeiten Sie Prognosen über künftige Entwicklungen in Ihrem Absatzmarkt aus und ziehen Sie daraus Rückschlüsse. Dienstleistungen werden Produkte in Zukunft ersetzen, sagt Ihnen Google? Dann ist es womöglich Zeit, die Produktion einzustellen und Dienstleister anzustellen. Ein wichtiger Faktor auf dem Markt der Zukunft ist die Reaktionsfähigkeit. Ihre Unternehmensstrukturen dürfen nicht so steif und eingerostet sein, dass Sie auf neue Entwicklungen nur langsam reagieren können. Die Digitalisierung macht flexibler in den Denkstrukturen. Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. ein mittelständisches Unternehmen zur Sprachförderung von Kleinstkindern: Prolog bietet Workshops zur Weiterbildung von Spracherziehern über das Internet an. Das Unternehmen geht also neue Wege, um seine Stammkompetenzen an die Frau oder den Mann zu bringen.

Wann starten Sie in Ihre digitale Zukunft?

Für den digitalen Mittelstand gibt es Chancen und Herausforderungen durch die Digitalisierung. Ob es der globale Markt, transparente Strukturen oder das neue Miteinander unter den Mitarbeitern ist, überall braucht es den festen Willen, um die ersten Schritte einzuleiten. Der Praxisleitfaden der Bitkom bietet gute Anregungen für Mittelständler, um sich konkret mit den Neuerungen für Ihr Unternehmen zu beschäftigen. Sie sollten im Prozess, der längst begonnen hat, nicht nur Mitläufer sein - Sie können diesen Prozess anstoßen, ihn weiterdenken und mitentwickeln. Die großen Unternehmen müssen nicht Ihr Vorbild sein, sondern Sie sollten zum Vorbild für andere KMUs werden. Dazu braucht es Investitionen, KnowHow und die richtige Portion Mut.

Wie ist die Digitalisierung im Mittelstand spürbar? Erklären Sie uns anhand eines praktischen Beispiels aus Ihrem Alltag als UnternehmerIn, was sich für den digitalen Mittelstand ändert.