Wer durch Kreuzberg spaziert, sieht nicht nur im Frühling, dass Start-ups überall aus dem Boden schießen. Manchmal sind sie ebenso schnell wieder verschwunden. Diese stete Veränderung wirkt auf den ersten Blick wie ein großes Scheitern. Aber: Meist sind die Gründer solcher Start-ups nicht weg - sie sind nur woanders. Entweder der große Plan ihrer Gründung ging auf und sie wurden größere Unternehmen oder die Mitarbeiter arbeiten danach an neuen Projekten oder sogar bei der Konkurrenz.

Die Kultur der Start-Ups hat eingesessenen Unternehmen einiges voraus in Sachen “Flexibilität” und “moderne Unternehmensstruktur”. Aber was genau prägt die Start-up-Kultur? Lesen Sie im weiteren Artikel, von welchen Grundsätzen sich auch andere Unternehmen eine Scheibe abschneiden können.
Was macht Start-up-Kultur aus?

Start-up das heißt per Definition ein neues Unternehmen mit innovativer Idee und großen Wachstumschancen. Aber wieso starten diese kleinen, feinen Dinger durch? Neben den Inhalten ist es eindeutig ihre Struktur, die mehr will als bloßes Unternehmertum in Mini nachzuahmen. Was macht die Start-ups für die MitarbeiterInnen und GründerInnen so interessant?

Flache Hierarchien

Im Start-up arbeiten alle zusammen an einer großen Idee. Das Team macht den Unterschied und es gibt keine festgefahrenen Hierarchien, sondern gemeinsame Projekte, die sich an der Vision des Start-ups orientieren. Statt “alles wie immer” arbeiten diese Teams nach dem Prinzip “out-of-the-box-thinking”. Ein gutes Beispiel ist Blinkist. Das Start-up bietet seit seiner Gründung 2012 Zusammenfassungen bekannter Sachbücher. Nach eigenen Angaben setzt das Unternehmen dabei statt auf Hierarchien “auf Selbständigkeit, persönliche Weiterentwicklung, unmittelbare Kommunikation und gegenseitige Unterstützung”.

(Frei)Raum für alle

Viele Start-ups verstehen sich selbst als Austauschräume oder siedeln sich an Orten an, an denen das Connecten leicht fällt. Sowohl zwischen verschiedenen Start-ups als mit den Freelancern oder ansässigen Unternehmen. Co-Working-Spaces oder Gemeinschaftsräume gehören selbstverständlich zur Alltagskultur. Dabei erfinden sich die Start-ups immer wieder neu und überlegen sich lustige Gimmicks für echte Unternehmenskultur abseits der Arbeit, z.B. einen Grill auf dem Dach, einen Billardtisch in der Küche, einen Yogalehrer für morgendliche Entspannung usw. Auf gruenderszene.de wurden z.B. die Büroräume des HR-Software-Entwicklers Personio vorgestellt: Freitags abends genießen deren Mitarbeiter immer ein gemeinsames Feierabendbier. Solche Rituale werden durch neue Strukturen erst ermöglicht.

Flexibles Wachstum

Die Grundidee des Gründens lautet: Etwas starten. Wie jeder weiß, der bereits irgendwann mal irgendetwas angefangen hat (z.B. die Steuererklärung): Diese Dinge wachsen. Bei Start-ups ist aber genau das beabsichtigt und deshalb braucht es Strukturen (Räume, Mitarbeiter, Konzepte), die größer werden können. 2016 schaffte es das Unternehmen Fluffy Fairy Games beispielsweise ohne Investoren mit seinem Spiel “Idel Miner Tycoon” in den Google Play Store. Die Folge war eine Einnahmensteigerung von 10.000 auf 100.000 Euro innerhalb eines Tages. Um die entsprechende Nachfrage zu garantieren, braucht es neue Mitarbeiter, flexible Lieferanten (wenn sie keine virtuellen Waren anbieten) und Rohstoffe.

Arbeitszeit als Lebenszeit

Gründer arbeiten sehr viel an einem Start-up. Die Arbeitszeiten sind zwar flexibler, dadurch kann den Beteiligten (Gründern und Mitarbeitern) aber auch noch mehr abverlangt werden.

Umso wichtiger wird die Work-Life-Balance innerhalb des Start-ups genommen. Anwesend ja, arbeitend unter Umständen. Damit die Message von wertvoller-Lebenszeit nicht zu einer Floskel verkommt, sind Start-ups gut darin, neue Arbeitszeitmodelle zu testen. Die bewusste Setzung einer vier-Tage-Woche, Sperrzeiten oder komplett eigenverantwortlich kalkulierte Arbeitsstunden sind wirksame Gegenmittel gegen die zurecht kritisierte Pseudo-Flexibilität einer 24-Stunden-Arbeitsalltags.

Angstfreie Digitalisierung

Start-ups nutzen die digitalen Möglichkeiten häufiger als andere Unternehmen. Das liegt zum Teil auch daran, dass die GründerInnen häufig der Generation der Millennials angehören. Für sie ist eine digitale Welt selbstverständlich. Viele Gründungsideen basieren gerade auf den neuen Technologien. Infarm hat z.B. das größte urbane Farmnetzwerk der Welt geschaffen, das digital verbunden ist. Die gesamte Produktion wird online überwacht, während gleichzeitig lokal produziert wird.

Profitieren vom Austausch: Unternehmen und Start-ups

Noch fällt womöglich öfter in China ein Rad um, als Mittelstand und Start-ups zusammenarbeiten: Laut einer deloitte-Studie haben nur 20% aller Mittelständler Erfahrung mit Kooperationen mit Start-ups. Untereinander arbeiten die neuen Kleinen dagegen schon zu 50% zusammen. Das Grundproblem liegt darin, dass es zwischen Unternehmen und Start-ups sehr unterschiedliche Erwartungen gibt.

Unterschiedliche Erwartungshaltungen:

  • KMUs wollen von den flexiblen Strukturen, Innovationen und dem Digitalisierungsvorsprung der Start-ups profitieren
  • Start-ups suchen Reputation und Marktzugang

Das bestmögliche Ergebnis ist also, dass beide Erwartungshaltungen erfüllt werden, das schlechtmöglichste, dass sich keine erfüllt. In der Praxis liegt die Wahrheit meist irgendwo dazwischen.

Was braucht es für eine erfolgreiche Zusammenarbeit?

Die möglichen Chancen sind zu groß, um den Austausch erst gar nicht zu versuchen. Wenn Start-ups und Unternehmen zusammenarbeiten wollen, dann gilt es einige feste Regeln zu befolgen:

  • Klare Zielsetzungen
  • Absprache über konkrete Zusammenarbeit,

z.B. Welche Teams? Welche Projekte? Welche Kanäle nutzen?

  • Definition eines zeitlichen Endpunkts
  • Bereitschaft zur Weitergabe von Wissen

Ideen und Austausch bringen Neues

Die Start-ups haben in der modernen Unternehmensstruktur längst einen festen Platz. Ihre Kultur prägt eine neue Form des Arbeitens, die zukunftsweisend ist. Sie basiert auf den Grundpfeilern flache Hierarchien, (Frei)Raum für alle, flexibles Wachstum, Arbeitszeit ist Lebenszeit und angstfreie Digitalisierung. Genau in diesen Bereichen haben viele alteingesessene Unternehmen noch Schwierigkeiten. Deshalb sollten beide Seiten den Austausch suchen, damit eine gegenseitig befruchtende Beziehung entsteht.

Was schätzen Sie an der Start-up-Kultur? Was nicht? Beschreiben Sie uns Ihre Erfahrungen mit den motivierten Gründern in den Kommentaren.