Gibt es bald keine Büros mehr? Wie Telecommuting die Arbeitswelt prägt

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Mit intrinsify.me verhilft Lars Vollmer Unternehmen zu glücklichen, motivierten Mitarbeitern. Eine gute Work-Life-Balance ist auch ihm und seinem Team sehr wichtig. Denn sie gestalten ihren Arbeitsalltag rund um ihr Leben und nicht umgekehrt. Vollmer arbeitet ein Drittel des Jahres in Barcelona, sein Geschäftspartner sitzt in Südengland. Das Backoffice befindet sich in Hannover, für die Unternehmensadresse hat Vollmer einen Briefkasten in Berlin gemietet. Zudem beschäftigt er eine Reihe von Freelancern, die von verschiedenen Orten aus arbeiten.

Ganz ähnlich läuft es bei Mozilla, dem Hersteller des Webbrowsers Mozilla Firefox. Der 1998 gegründet Anbieter von Open Source Software hat 13 über den Globus verteilte Büros und Mitarbeiter in 30 verschiedenen Ländern. Viele davon arbeiten von einem Ort aus, an dem es kein Mozilla-Office gibt. Entsprechend sind auch einige Stellenausschreibungen des Unternehmens auf remote work – ortsunabhängige Arbeit – ausgelegt. “Telecommuting” wird diese Form des Arbeitens auch genannt: Jobs, die an jedem beliebigen Ort mit Internetzugang ausgeführt werden können. Das wirft die Frage auf: Wird es in Zukunft überhaupt noch Büros geben?

Arbeiten im Schlafanzug

Die Digitalisierung macht’s möglich: Laut einer Studie von GlobalWorkplaceAnalytics.com erledigten in den USA im Jahre 2017 mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer ihre Aufgaben zumindest teilweise von zu Hause oder anderen Orten aus. Damit ist die remote work bei Angestellten seit 2005 um 115% gewachsen – dazu kommen zahlreiche mobil arbeitenden Freiberufler. Mehr als 1000 Unternehmen weltweit sind gerade dabei, sich komplett umzustrukturieren, weil sie festgestellt haben, dass ihre Angestellten bereits mehr als die Hälfte der Zeit nicht von ihrem Schreibtisch im Büro aus arbeiten – sondern wo immer ihr Laptop ist, zum Beispiel in Flugzeug oder Bahn, oder auch zu Hause im Schlafanzug.

Foto: Andrew Neel

Teamspirit trotz räumlicher Distanz

Wie stellen Sie sich ein virtuelles Team vor? Als einen Haufen sozial unfähiger Nerds, jeder in seinem abgedunkelten, nur von Bildschirmen beleuchteten Kämmerlein, wobei niemand wirklich weiß, woran der Rest des Teams eigentlich gerade arbeitet? Bei virtuellen Teams, die sich zu organisieren wissen, sieht das glücklicherweise anders aus.

Das Karriereportal flexjobs.com, das sich sich ausschließlich mit flexiblen, mobil ausführbaren Jobs befasst, spricht deshalb lieber von distributed work als von remote work. Letztere Begriff bezeichnet zwar mobile digitale Arbeit, aber das englische Wort “remote” bedeutet auch “abgelegen” oder “entfernt”. Eine Assoziation, die das Jobportal, das selbst aus einem virtuellen Team besteht, nicht hervorrufen möchte. “Obwohl wir nicht alle am gleichen Ort arbeiten, arbeiten wir zusammen an einem gemeinsamen Ziel und fühlen uns nicht voneinander entfernt.” Distributed work ist deshalb der Begriff, der laut Flexjobs besser auf ihre Arbeitsweise zutrifft. “Distributed” bedeutet “verteilt” – in dem Fall quer über den Globus.

Daraus ergeben sich große Chancen. Denn wenn räumliche Distanz keine Rolle mehr spielt, ermöglicht das einem Unternehmen, sich wirklich die Besten an Bord zu holen. Man ist nicht mehr darauf angewiesen, aus den Kandidaten der Region auszuwählen, sondern kann sich weltweit nach hochqualifizierten Experten umsehen. Auch Arbeitnehmer profitieren; sie sind nicht mehr gezwungen, ihren Wohnort nach dem Job zu richten und können stattdessen je nach Wohnungsmarkt, Familie oder persönlichem Vorzug entscheiden. Zudem wird es einfacher, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen.

Die virtuelle Kaffeemaschine: Wie man Teams über Distanz zusammenhält

Was bleibt, ist die Angst, dass ein über den Globus verteiltes Team im unkommunikativen Chaos endet. Dem kann man von Anfang an entgegensteuern. Wie in jedem Unternehmen ist auch hier Kommunikation das A und O. Die räumliche Distanz stellt heute kein Hindernis mehr da. Wichtig ist nur, dass die Mitarbeiter Skype-Meetings oder Telefonkonferenzen genauso ernst nehmen wie herkömmliche Meetings. Ein Firmenchat wie Slack oder Skype for Business ist außerdem Pflicht, damit die Teamplayer sich auch zwischen den Meetings über Updates austauschen, Ideen diskutieren und aufkommende Fragen stellen können.

Gute Ideen entstehen nun aber nicht unbedingt am Schreibtisch, sondern zum Beispiel im beiläufigen Austausch an der Kaffeemaschine. Dass solche Gespräche bei virtuellen Teams wegfallen, ist meiner Meinung nach einer der größten Risiken des Telecommuting. Dem kann man entgegenwirken indem man eine “virtuelle Kaffeemaschine” kreiert. Die Atmosphäre einer Büroküche kann man durch einen einen Channel im Firmenchat simulieren, in dem man sich auch mal etwas informeller über Themen austauschen kann, die nicht direkt mit den aktuellen Aufgaben in Verbindung stehen. Zudem kann es helfen, am Anfang eines Meetings jedem Mitarbeiter ein paar Minuten zu geben, in denen er über den aktuellen Stand seiner Arbeit berichtet.

Natürlich kann man den fürs Teambuilding ausschlaggebenden menschlichen Kontakt auch dadurch nicht vollständig ersetzen. Denn per Skype, Chat oder Email geht man anders miteinander um, wenn man sich schon mal ohne Screen und Webcam begegnet ist. Das Harvard Business Review empfiehlt deshalb, regelmäßige “physische” Treffen zu organisieren. Am besten das erste ganz am Anfang des Projekts, damit sich die Teamplayer persönlich kennenlernen und die Zusammenarbeit später reibungslos funktioniert. Anschließend sollte das Team mindestens ein bis zweimal im Jahr zusammenkommen – der Ort kann der Fairness halber zwischen den Standorten der Mitarbeiter abwechseln.

Was bedeutet Telecommuting für Ihr Unternehmen?

“Das ist ja alles sehr interessant, aber sowas betrifft mich doch gar nicht”, denken Sie jetzt vielleicht, vor allem wenn ihr Unternehmen noch sehr klein ist oder gerade erst gegründet wurde. Vielleicht kennen Sie aber schon eine andere Formen der distributed work und haben die Herstellung Ihrer Produkte auf andere Orte ausgelagert, vielleicht sogar ins Ausland. Oder Telecommuting ist für Sie bereits Alltag und Sie beschäftigen beispielsweise Webdesigner oder Buchhalter, die von verschiedenen Standorten aus digital arbeiten. Fakt ist: Sobald Sie Leute einstellen, die digital arbeiten, wird Telecommuting unausweichlich ein Thema für Sie. Machen Sie das Beste draus! Das wird nicht nur Ihnen und Ihren Mitarbeitern mehr Flexibilität und Lebensqualität bringen – es bietet Ihnen vor allem Chance, sich unabhängig vom Standort die am besten qualifizierten Experten an Bord zu holen!

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