Freelancer stellen sich öfters die Frage “Arbeite ich zu Hause oder lebe ich auf der Arbeit?” Doch auch für immer mehr Arbeitnehmer wird diese Wahrnehmung in Zeiten von Home-Office und Co. normal. Das sogenannte “Work-Life-Blending” bedeutet, dass Arbeits- und Lebenswelt miteinander verschmelzen. Es gibt fließende Übergänge, z.B. wenn ein Geschäftsmann von Hamburg nach Berlin im ICE fährt: Zunächst liest er die Tageszeitung, darin aber den Börsenbericht über sein Unternehmen, dann arbeitet er am Laptop an einer Statistik und schließlich hört er einen Podcast, in dem ein Konkurrent über den Aufstieg seines Betriebs erzählt. Schwer zu sagen, was davon noch privat ist und was geschäftlich. Das heißt, dass Arbeitszeit schwieriger nachweisbar ist oder - so die pessimistische Zukunftsprognose: Keiner mehr wirkliche Freizeit hat. Wie kam es zum Work-Life-Blending und was ist daran so problematisch? Lesen Sie Tipps, was es braucht, damit Work-Life-Blending alle wieder bereichert.

Warum verschmelzen Arbeit und Leben?

Der fließende Übergang zwischen Arbeit und Leben ist längst nicht mehr aufzuhalten. Mit der Digitalisierung wurden die Voraussetzungen geschaffen, theoretisch “überall und ständig” arbeiten zu können. Ob Sie das wollen, steht auf einem anderen Blatt. Das sind die Gründe, wieso Work-Life-Blending zunimmt:

Neue Arbeitszeitmodelle

Flexibilität durch freie Zeiteinteilung
MitarbeiterInnen profitieren davon, dass sie ihren eigenen Arbeitsrhythmus finden können, z.B. durch Home-Office, als Freelance oder in Teilzeit.

Flexible Arbeitsort

Längst ist Anwesenheit kein Kriterium mehr für Zusammenarbeit.
Diese digitalen Helfer erleichtern das örtlich-ungebundene Arbeiten:

Cloud-Computing

Digitale Tools für Zusammenarbeit, Kommunikation und Verwaltung
Roboter, Drohnen und andere ferngesteuerte Helfer in der Produktion
Mobile Geräte wie Laptops, Handys und Co. IT-Programme, die von jedem PC gesteuert werden können

Mehr individuelle Selbstbestimmung

Gesellschaftliche Entwicklung hin zum freien Individuum
Die Struktur des eigenen Arbeitens wollen gut ausgebildete, junge Menschen selbst bestimmen. Die Gefahr ist ein übersteigerter individueller Entwicklungszwang hin zur Selbstoptimierung.

Ein gutes Beispiel dafür, welche konkreten positiven Auswirken Work-Life-Blending in Unternehmen hat, ist Netflix. Der amerikanische Streaming-Dienst hat seinen Hauptsitz in Kalifornien. Seine MitarbeiterInnen legen sowohl ihre Urlaubstage als auch ihre Arbeitszeit eigenverantwortlich fest.

Was ist problematisch am Work-Life-Blending?

Die neue flexible Arbeitszeitgestaltung, individuelle Verwirklichung und Ortsgebundenheit bringt auch Nachteile mit sich:

Totale Erreichbarkeit

Es klingt erst einmal so schön: Sie dürfen flexibel auf E-Mails antworten und Sie haben keine festen Arbeitszeiten.
Wundervoll, wenn Sie den Tag am See verbringen wollen. Schwierig wird es, wenn die Arbeitgeber erwarten, dass z.B. ein Mitarbeiter im Home-Office 24h erreichbar ist. Oft findet sich die indirekte Einstellung, er sei “ja nur zu Hause”. Da wird aus dem Ausflug zum See schnell ein Firmenmeeting mit Sonnenbrand.

Vereinsamung durch Abkopplung

Dass digitales Arbeiten einsam macht, ist oft die Meinung von Menschen, die wenig mit digitalen Geräten zu tun haben. Dennoch sollte man die Herausforderung ernst nehmen, besteht doch theoretisch die Möglichkeit: Wenn Sie für Ihre Arbeit nicht mehr das Haus verlassen müssen, dann sind auch soziale Kontakte auf die digitalen Kanäle beschränkt. Der Einzelne muss also für sein Sozialleben offline sorgen.

Outsourcing von unternehmerischer Verantwortung

Wenn alle immer nur flexibel angestellt sind und von überall aus arbeiten, spart ein Unternehmen nicht nur Räumlichkeiten, sondern auch Unternehmensstrukturen wie Gewerkschaften. Die größte Angst im Bezug auf Work-Life-Blending ist also, dass diese auf Kosten der Arbeitnehmer geschieht. Um das zu verhindern braucht es ein politisches Eingreifen: Die Strukturen müssen geschaffen werden, die Sicherheit der Arbeit garantieren - auch und gerade, wenn diese Arbeit flexibel zuhause oder unterwegs geleistet wird.

Das optimale Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit

Es geht nicht darum, die Entwicklung des Life-Work-Blending rückgängig zu machen. Sie können vielmehr daran arbeiten, für sich und Ihre Mitarbeiter ein ideales Gleichgewicht herzustellen. Überforderung ist im selbstbestimmten Arbeiten 4.0 selbstgemacht. Jemand hat vergessen, bei Zeiten “Nein” zu sagen. Allerdings muss es die Möglichkeit für Widerspruch erst einmal geben, ohne dass jemand seinen Job riskiert. Jede/r UnternehmerIn, jede/r Angestellte und jede/r Selbstständige hat die Veränderung hin zu einem freien Arbeiten ohne Stress selbst in der Hand. Das sollten Sie beachten:

Feste Arbeitszeiten für sich selbst planen

Diese Zeiten sollten Sie strikt einhalten und nur innerhalb dieser E-Mails beantworten, auf Anrufe reagieren etc.. Die Ausnahme ist natürlich machbar, sollte aber nie zur Regel werden. Umgekehrt bedeutet das auch, dass Sie sich an die Zeiten Ihrer MitarbeiterInnen/ Kollegen/Kolleginnen/ GeschäftspartnerInnen halten. Und wann sind die? Fragen Sie doch mal!

Maximale Arbeitszeit pro Woche kalkulieren

Damit aus einer 40h-Woche nicht immer eine 80h-Woche wird.

Pausen einplanen

Innerhalb der Arbeitszeit sollten Sie bewusste Pausen setzen. Vor Ort können Sie das große Freizeitangebot vieler digitaler Unternehmen nutzen, zu Hause wechseln Sie am besten den Raum, um Ihre Arbeit nicht während der Entspannungsphase vor Augen zu haben.

Räumliche Trennung von Arbeit und Leben umsetzen

Schlafen und Arbeiten nie im selben Zimmer. Laptop und digitale Geräte gehören nicht ins Schlafzimmer.

Option eines Büros

Als Freelancer können Sie über die Anmietung eines eigenen Arbeitsraums nachdenken oder einen Platz in einem Coworking-Space mieten. Wenn Sie mit einem Unternehmen zusammenarbeiten, bietet womöglich auch dieses Räume für seine Partner vor Ort an. Als UnternehmerIn lohnt es sich, sich Experten durch ein solches Angebot ins Haus zu holen.

Zusammenhalt trotz individuellem Arbeiten

Schaffen Sie Rituale, Gemeinschaftsräume, Come-Togethers und ähnliche Austauschräume, in denen sich Festangestellte und Freelancer begegnen. Unternehmenskultur gehört zum modernen Arbeiten und muss bewusst gesteuert werden.

Mitarbeiter-Mitbestimmung trotz fehlender physischer Anwesenheit

Als UnternehmerIn tragen Sie Verantwortung für Ihre MitarbeiterInnen, auch wenn diese nicht sichtbar sind. Wer auf Ihrem Lohnzettel steht, sollte auch darüber mitbestimmen dürfen, wohin Ihr Unternehmen steuert. Bei der Umsetzung braucht es Kreativität. Siemens wirbt z.B. damit, dass 49% seiner MitarbeiterInnen auch Aktien des Unternehmens besitzen. Wie wäre es mit 100%? Verantwortung kommt durch Teilhabe.

Glückliche MitarbeiterInnen haben ein Leben

Work-Life-Blending sollte nicht verteufelt, aber auch nicht idealisiert werden. Neben den vielen positiven Faktoren wie flexibler Arbeitsgestaltung und individuellen Tagesrhythmus gibt es auch Risiken für die ArbeitnehmerInnen. Deshalb braucht es grundsätzliche Hebel, um den MitarbeiterInnen nicht nur die große Freiheit zu versprechen, sondern sie auch umzusetzen. Entscheidend ist neben einer zeitlichen und örtlichen Trennung der Arbeit eine neue Unternehmenskultur, die etabliert werden muss. Glückliche freie MitarbeiterInnen bringen schließlich die beste Leistung und ein Gleichgewicht zwischen Frei- und Arbeitszeit ist für die meisten Menschen die Basis für ein erfülltes Leben.

Sehen Sie das Work-Life-Blending eher positiv oder negativ? Berichten Sie uns in den Kommentaren von Ihren Erfahrungen, die diese Meinung geprägt haben.